Datum: 10.06.2026
Rubrik: Nachrichten
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Beitrag: Zur Henkersmahlzeit mit dem Vollstrecker über Leib und Leben

Zur Henkersmahlzeit mit dem Vollstrecker über Leib und Leben

Der Meißner Blutvogt Samuel Hustig ist zurück


Manche Geschichten verschwinden nicht. Sie warten nur darauf, wieder erzählt zu werden. In den alten Gemäuern der Meißner Burgstraße begegnet man einem Mann, dem früher wohl kaum jemand freiwillig gegenüberstehen wollte: Samuel Hustig – Blutvogt von Meißen. Ein Mann, dessen Aufgabe dort begann, wo ein Urteil bereits gesprochen war. Heute empfängt er seine Gäste nicht mehr mit Angst und Schrecken, sondern mit Geschichten aus einer Zeit, in der Recht und Strafe noch ein anderes Gesicht hatten. Hinter Samuel Hustig steckt Bernd Stahr. Seit vielen Jahren schlüpft der Schauspieler in diese Rolle und gibt damit einer Figur wieder eine Stimme, die es in der Meißner Stadtgeschichte tatsächlich gegeben hat. Der Blutvogt war dabei weit mehr als nur der Henker. Er war Teil eines damaligen Rechtssystems. Unterstützt wurde er von seinem Folterknecht, der Samuel Hustig auch an diesem Abend begleitet. Und manchmal werden sogar die Gäste selbst Teil der Geschichte. Mit Daumenschraube, Schandmaske, Halsgeige und anderen Instrumenten wird gezeigt, welche Rolle Strafe und Abschreckung damals spielten. Denn nicht jede Bestrafung zielte allein auf körperliche Schmerzen. Oft ging es auch um öffentliche Schande, Demütigung und den Verlust der eigenen Ehre. Begonnen hat diese besondere Form der Geschichtserzählung bereits im Jahr 2012 in der Görnischen Gasse. Dort entwickelte Christiane Weikert das damalige Meißner Obscurum und brachte mit der Henkersmahlzeit auch die Geschichten rund um den Blutvogt auf die Bühne. Viele Jahre später begegnet Samuel Hustig den Menschen nun wieder – heute in der Burgstraße, in den historischen Räumen „Zur alten Zinngießerei“. Die Geschichten sind geblieben. Nur die Mauern, in denen sie erzählt werden, haben gewechselt. Und hier wird nicht nur gerichtet. Hier wird auch angerichtet. Während Schankmagd Grit und Schankknecht Jens die Gäste mit Speisen und Getränken versorgen, erzählt der Blutvogt von einer Seite Meißens, die weit entfernt ist von Porzellan, Wein und höfischem Glanz. Es geht um Verbrechen, Urteile und Menschen, deren Schicksale vor Jahrhunderten von der damaligen Gerichtsbarkeit bestimmt wurden. Eine dieser Geschichten ist die des Delinquenten Jacob Steinbach, bekannt als der hinkende Böttger von Meißen. Er soll seine Frau mit mehreren Messerstichen getötet haben. Sein Weg endete nicht mit Gnade, sondern mit einer heute kaum noch vorstellbaren Strafe: Steinbach wurde gesäckt und der Elbe übergeben. Geschichten wie diese zeigen, wie anders Recht, Moral und Gesellschaft damals funktionierten. Die Henkersmahlzeit bleibt dabei nicht an einem Ort. Samuel Hustig und seine Gäste wechseln zwischen den Räumen der alten Zinngießerei. Während oben bei Speisen und Getränken Geschichten erzählt und Schicksale vergangener Zeiten wieder lebendig werden, wartet wenige Stufen tiefer – im alten Gewölbekeller - eine andere Seite der Vergangenheit. Die Folterkammer. Zwischen dicken Mauern, historischen Darstellungen und einem rund zehn Meter tiefen Brunnen bekommt Geschichte eine andere Wirkung. Nicht als trockene Jahreszahl, sondern als Vorstellung davon, wie anders Leben, Recht und Gesellschaft einmal funktioniert haben. Hier geht es auch um die sogenannte peinliche Befragung. Ein Begriff, der heute anders verstanden wird. Gemeint war damals die Pein – also der Schmerz, mit dem Geständnisse erzwungen werden sollten. Doch Samuel Hustig zeigt auch eine andere Seite. Denn wer sich mit dem menschlichen Körper beschäftigte, kannte nicht nur Wege, ihm Schmerzen zuzufügen. Viele Scharfrichter verfügten auch über Wissen zu Wunden, Salben und Heilpflanzen. Auch Kräuterwissen, wie es durch Hildegard von Bingen überliefert wurde, spielt dabei eine Rolle. Eine überraschende Seite eines Berufes, der bis heute vor allem mit Angst und Schrecken verbunden wird. Die Henkersmahlzeit erzählt damit nicht nur von Tod und Strafe. Sie erzählt von einer vergangenen Ordnung, alten Vorstellungen und davon, wie schnell sich der Blick auf Geschichte verändern kann. Denn der Mann, dem früher niemand begegnen wollte, hat heute wieder aufmerksame Zuhörer. Samuel Hustig - der Scharfrichter von Meißen - ist zurück. Nicht als Schrecken der Stadt – sondern als eine ihrer Geschichten.

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